Manfred Wolf
Produktgestalter und Lampenhersteller, Frankfurt
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Manfred Wolf hat mit seinem unverklärten Blick auf Design großen Erfolg. Der Produktgestalter setzt auf durchdachte Details, an seinen Leuchten tüftelt er mit Hingabe. Sein Unternehmen serien.lighting liegt außerhalb der Frankfurter City in einem alten Fabrikgebäude aus Backstein.

Direkt nebenan befindet sich Manfred Wolfs Fuhrpark mit Autos aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Wolf ist kein Oldtimer-Sammler, der seine Autos in einer Halle unter weißen Laken versteckt hält, sondern legt leidenschaftlich gern selber Hand an – und restauriert die Autos originalgetreu. Noch mehr liebt er es allerdings, die alten Schätze zu fahren.

Wir treffen ihn mit seiner Tochter Ella in seinem modernen, lichtdurchfluteten Penthouse. Dabei philosophieren wir über Zufall, Zeitgeist und natürlich über Oldtimer.

Du wohnst zentral im Frankfurter Westend. Was schätzt du daran?

Mir gefällt das urbane Lebensgefühl, dass es hier im Westend nach Stadt aussieht. Frankfurt ist dabei, verglichen mit anderen großen Städten, stressfrei. Ich fahre hier ausgesprochen gerne Auto. Hier gibt es weder endlosen Stau wie in Paris noch riesige Entfernungen. Durch die räumliche Konzentration ergeben sich in Frankfurt auch interessante Kontraste. Fußläufig vom gepflegten, ruhigen Wohnviertel Westend befindet sich das lebendige Bahnhofsviertel, ein Rotlicht- und Ausgehviertel.

Was hat dich dazu bewegt, Produktgestaltung zu studieren?

Meine ältere Schwester, die selbst Architektur in Darmstadt studierte, hat mich damals ohne mein Wissen bei der HfG-Studienberatung (Mappenberatung der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Anm.d. Red.) angemeldet. Design erschien mir unseriös und halbseiden; ich hatte mich nicht mit dem Thema beschäftigt. Dass für jedes Produkt, jedes Trinkglas, ein spezieller Prototyp hergestellt wird, hat mich jedoch fasziniert. Früher hat man diese Modelle noch handwerklich gefertigt, heute geschieht dies eher mithilfe eines 3D-Druckers. Meine Schwester hat mich damals gut eingeschätzt, obwohl sie und der Rest der Familie anders tickt als ich.

Inwiefern unterscheidest du dich von deiner Familie?

Meine Schwester hat klassizistisch-postmodern angehauchte Architektur entworfen, meine Eltern strebten mit ihrer Einrichtung rustikale Gemütlichkeit im süddeutschen Stil an. Ich kann fremde Positionen gut nachvollziehen, mag es aber weniger, wenn man mittels Design etwas auf sein Leben projiziert. Ich finde eine gewisse Distanz zu Design wichtig. Aber das ist mein persönlicher Zugang – jeder hat natürlich einen anderen.

Geschmack hat viel mit Sozialisation zu tun?

Ja, absolut, die Schweiz ist zum Beispiel gestalterisch viel weiter als Deutschland. Ein Großteil der Menschen dort ist, was Design angeht, sehr gut geschult.

Resultiert das Bewusstsein für Design in der Schweiz nicht auch aus einer größeren finanziellen Freiheit?

Nicht unbedingt, heutzutage kann man auch gutes günstiges Design finden. Ikea sehe ich als geschmacklichen Wegbereiter für Produkte, wie wir sie bei serien.lighting anbieten. Studenten, die bei Ikea kaufen, werden sehr wahrscheinlich später noch mehr Wert auf gute Form legen.

Was macht für dich gutes Design aus?

Dass es nicht zu sehr einem Trend folgt, da dieser sich naturgemäß schnell abnutzt.
Wir erleben den Wechsel von Moden in unserem Unternehmen hautnah. Einmal haben wir einer Leuchte schon bei Erscheinen maximal zehn Jahre Lebenszeit gegeben. 1994 wurde sie lanciert, genau 2004 haben wir sie aufgrund mangelnder Nachfrage wieder vom Markt genommen.

Andere unserer Designs, wie unsere Lampe mit dem Scherengitter namens „Zoom“, sehen auch nach fast 15 Jahren noch frisch aus. Das liegt vermutlich daran, dass sie weniger ‘ausgeformt’ ist, die Reduktion auf geometrische Grundformen führt zu einer größeren Langlebigkeit. Bestimmte Formsprachen findet man aktuell gut, aber nach wenigen Jahren kann man an ihnen die Zeit ablesen.

Viele sprechen von zeitlosem Design – zeitlos ist Design aber nie. Die Zeit nimmt immer Einfluss. Klassiker nennen wir heute nur so, weil sie wieder unserem Geschmack entsprechen. Bei Formgebungen, die hauptsächlich von der Funktion bestimmt werden, spricht man oft auch von „ehrlichem Design“, gerade in Bezug auf das Bauhaus.
Da wird nachträglich zu viel in ein Produkt hinein interpretiert. Da wurde vermutlich einfach kurzerhand das benutzt, was in der Werkstatt greifbar war, sodass aus einem Rundrohr ein Freischwinger entstand.

Warum war dein erstes in Serie produziertes Produkt eine Lampe und kein Stuhl?

Die Maschinen in dem Metallverarbeitungs-Betrieb meines Vaters, die mir während meines Studiums zur Verfügung standen, waren weniger dafür geeignet, einen Stuhl herzustellen.  Meine erste Arbeitsleuchte habe ich von dem aus entwickelt, was ich an Material in den Fabrikräumen fand. Vieles im Design ist Zufall.

An meiner Hochschule war Lampengestaltung auch ein großes Thema. Schön daran ist, dass man die Materialität mit einer statischen Konstruktion verbinden und sich mit Strom und Licht auskennen muss. Eine Lampe ist ein anspruchsvolles Produkt, das man trotzdem noch im Kleinen fertigen kann. Bei einem Auto müssen größere Teams entwerfen, Riesen-Konzerne stellen es her. Doch auch das Leuchtendesign verändert sich durch immer komplizierterere Lichttechniken. Junge Designer lässt das kalt, sie bauen zumeist noch Leuchten für Glühbirnen.

Ist die klassische Glühbirne nicht gerade im Trend?

Ja, man sieht gerade viele Kohlefaserbirnen. Aber die sind aus unserer Warte eher Lichtobjekte. Sie leuchten, aber haben wenig mit Beleuchten zu tun. Die Glühbirne ist nicht wirklich nachhaltig – und somit nicht mehr zeitgemäß.

Zu deinen Autos: Woher kommt deine Begeisterung für Oldtimer?

Mir macht es Spaß zu tüfteln. Mein Vater besaß in seiner Firma viele Maschinen, von denen er kaum Ahnung hatte. Damit hat er es eigentlich herausgefordert, dass ich mir das entsprechende Wissen dazu aneignete. Zu meinem ersten alten Auto, dem Jaguar von 1962, kam ich eher zufällig. Ich habe in den 80ern für einen Arzt die Praxis eingerichtet – das Auto war die Bezahlung.

Wie kam deine Autosammlung zustande?

Ich bin kein typischer Oldtimer-Sammler. Ich verfolge kein Konzept, die Autos haben sich eher angesammelt. In den 80ern fuhr ich „alte Autos“ aus den 60ern und 70ern, erst später wurden sie zu Oldtimern. Beim Plymouth habe ich Ende der 80er Jahre zum ersten Mal alles selbst gemacht. Für die Instandsetzung zu recherchieren und dabei Wert auf Originalität zu legen, bereitet mir enorm viel Freude.

Wieso hast du dir den Citroen SM ausgesucht?

Aus praktischen Gründen: Beim Plymouth ist der Scheibenwischer kaputt, beim Cabrio zieht es rein – bei diesem hier funktioniert die Heizung besonders gut. Manchmal funktionieren fünf meiner Autos, manchmal gar keins. Der SM ist sonst immer mein ‘Patient’. Er ist mein neuestes Auto, hat jedoch schon eine elektronische Benzineinspritzung und macht daher die meisten Probleme. Elektrik kann man selbst reparieren, der Elektronik ist man ausgeliefert. Darum interessieren mich neue Autos nicht so sehr.

Tocher Ella wirft ein: Ich weiß nicht, wie oft wir schon liegen geblieben sind, nicht selten mit der gesamten Familie im Urlaub!

Mit so einem Auto erlebst du Abenteuer und lernst ständig neue Leute kennen. Vor Kurzem bin ich gemeinsam mit einem Freund in einem weißen Citroen DS von Kapstadt nach Namibia gefahren: über Hunderte von Kilometer unberührter Natur. Da stört man sich sogar an einem vereinzelten Zaun am Straßenrand. Auch dort hatten wir eine Panne, aber es ging schnell wieder weiter.

Sehnst du dich nach Freiheit in unserer immer schneller getakteten Welt?

Ja, man ist heutzutage recht frei, aber eben doch nicht komplett. Als Unternehmer habe ich die relative Freiheit, mir selbst meine Zeit einteilen zu können. Eine Zeit lang haben mein Partner Jean-Marc Da Costa und ich uns im Zwei-Monats-Rhythmus als Geschäftsführer abgewechselt. Ich war überzeugt davon, in der freien Phase meine Projekte vorantreiben zu können. Tatsächlich sitzt man aber zwei Monate lang im Café in der Stadt und lässt den Tag an sich vorbeiziehen. Das wiederum schafft jedoch wieder eine gewisse Freiheit im Kopf.

Bist du nostalgisch?

Ich fühle mich der modernen Technik oft ausgeliefert. Wenn etwas Neueres kaputt geht, kannst du meistens nichts anderes tun, als es wegzuwerfen.
Die älteren Autos geben mir zu einem Stück weit das Gefühl, noch Herr der Lage zu bleiben. Bei meiner Begeisterung für alte Technik geht es mir also auch um eine Unabhängigkeit.

Bilden deine Werkstatt-Sessions einen Ausgleich zu deinem Arbeitsalltag am Schreibtisch?

Ich habe zwar schon immer gern an Autos gewerkelt, aber ja: Das Schrauben hat für mich etwas Kontemplatives und ist eine angenehme körperliche Arbeit. Autoteile kreativ zu ersetzen ähnelt zudem sehr der handwerklichen Arbeit an einem Produktentwurf.

Was war die wichtigste Lektion, die du im Laufe deines Werdegangs gelernt hast?

Dass man Dinge tun muss, die von Herzen kommen. Wenn die eigene Arbeit einen nicht umtreibt, wird sie zäh und kann letztlich auch nicht überzeugen.
Es ging mir eigentlich nie darum, mit unserer Firma Geld zu verdienen. Wir wollten unsere Leuchten machen. Ich verstehe in dieser Hinsicht auch Künstler, die ihr Werk immer weitertreiben, obgleich es keine Beachtung findet. Weil man sehr viel Liebe in die Dinge steckt, ist es aber auch natürlich sehr schön, wenn dies von anderen gesehen und geschätzt wird – und dieses Gefühl von anderen eventuell sogar weitergetragen wird. Mein Freund Ata Macias hat dazu den schönen Begriff „Give Love Back“ geprägt. Es freut mich daher auch ungemein, beispielsweise unsere ‘Zoom’-Lampe in so vielen unterschiedlichen Räumen in Frankfurt zu entdecken.

Danke für das anregende Gespräch und die Zeit, die du dir für uns genommen hast, Manfred.

Dieses Portait ist außerdem Teil von “Friends Of Cars”, unserer gemeinsamen Serie mit Spiegel Online. Mehr über Manfred und eine Tour mit seinem Auto gibt es auf deren Seite.

Weitere Portraits aus Frankfurt gibt es hier.

Text und Interview: Juliane Duft
Fotos: Ramon Haindl