Saskia Diez
Jewelry Designer, Showroom, Studio & Neighborhood, Glockenbachviertel, Munich
FvF × Filippa K
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Wenn es um weltweit erfolgreichen und urbanen Schmuck aus Deutschland geht, fällt sofort der Name Saskia Diez. In München beheimatet, entwirft die 36-Jährige einzigartige filigrane Ketten, Ringe, Armbänder und andere Accessoires.

Ihre Kollektionen werden in New York, Tokio, London und auf der Berliner Fashion Week gezeigt und geliebt. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass Saskia nach einer Ausbildung zur Goldschmiedin und einem Industriedesign-Studium eher zufällig zum Schmuckdesign kam.

Saskias Atelier und Showroom findet man neben einem Maßschuhmacher und einem Möbelrestaurator in einer charmanten und ruhigen Nebenstraße im Münchner Glockenbachviertel. Eine wahre Pracht ist der großzügige und entspannte Hinterhof mit herrlichen Bäumen, Holzbänken und viel Grün. Dort arbeitet auch Saskias Mann Stefan Diez, einer der erfolgreichsten deutschen Designer.

Im Gespräch in ihrem Atelier lernen wir Saskia als reflektierte, enthusiastische und liebenswürdige Gesprächspartnerin kennen. Natürlich glänzen an ihren Handgelenken, um ihren Hals und an ihren Ohren einige Stücke aus ihrer Kollektion, die so schön sind, dass man sie am liebsten selbst tragen möchte.

Dieses Portrait ist Teil unserer Kollaboration mit Elle Online. Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

Saskia Diez Showroom im Glockenbachviertel

Saskia, was war das erstes Schmuckstück, das Du selbst entworfen hast?

Mein erster eigener Schmuck-Entwurf waren die DIAMOND Armbänder, die ich 2006 beim Designwettbewerb „Frauen und Sport“ von Volvo entworfen habe. Sie sahen wir Schmuck aus, waren aber gleichzeitig Gewichte für die Arme. Sie sind mir immer noch sehr wichtig, in ihnen steckt sehr viel von dem, was ich suche. Und mit ihnen habe ich 2007 mein Label gegründet, von einer der Formen habe ich damals mein Logo abgeleitet.

Was hat Dich an der Schmuckwelt fasziniert?

Mich fasziniert, wie Schmuck funktioniert, was Schmuck mit uns macht. Schmuck ist so ein altes Thema, das Bedürfnis, sich zu schmücken ungefähr so alt wie die Menschheit. Das Bedürfnis, sich über Schmuck “aufzuladen”, zu stärken, abgesehen vom Schmücken natürlich. Verletzlichkeit und Schutzbedürfnis spielen eine Rolle. Mich fasziniert die andere Ebene von Schmuck. Mehr als seine Oberfläche, auch wenn Schmuck sich auf der Oberfläche abspielt. Doch es ist mit Schmuck eben auch möglich, unter diese einzudringen. Für sich gesehen, interessiert mich der Wert des Schmuckes wenig. Es gibt in meiner Kollektion ein sehr breites Preisspektrum, wenn ein Stück teuer ist, ist das Material oder die Arbeit eben teuer, aber ich wähle das Material oder die Technik nur danach aus, ob es mir gefällt, und nicht danach, was für einen Preis ich damit erziele. Mein Schmuck ist kein Statussymbol.

Wie würdest Du denn Deine Philosophie formulieren?

Ich mag, dass meine Stücke tragbar sind, ich finde das Zusammenspiel von meiner Arbeit mit seinem Träger spannend: Wie liegt er auf der Haut und auf dem Körper? Was macht er und wie verändert er sich bei Bewegung, wie fühlt man sich damit. Galerieschmuck ist nicht so sehr mein Ding.

Und wie kann ich mir Deinen üblichen Arbeitsprozess vorstellen?

Ich bastele und zeichne viel. Zwischen Anfang und Ende ist manchmal ein langer, manchmal ein geraderer, manchmal ein sehr verschlungener Weg, manchmal gespickt mit Ausflügen. Aber auch die sind nie umsonst. An etwas zu arbeiten ist nie umsonst, Dinge leben oft in anderen Zusammenhängen wieder auf oder machen eine Arbeit reicher.

Neben Schmuck hast du auch ein Parfüm kreiert. Was hat Dich daran gereizt?

Die Düfte sind für mich eine Art unsichtbarer Schmuck. Einige Teile in meiner Kollektion gehen schon an die Grenze von dem, was sichtbar ist, und so war das fast wie eine Art logische Weiterführung, einen Schmuck zu machen, der nur noch mit anderen Sinnen wahrnehmbar ist. Und dann hatte Ich das große Glück, mit Geza Schön zusammen zu arbeiten, und wir haben den beiden Metallen Silber und Gold einen Duft verliehen.

Du machst ja auch Sonderanfertigungen. Welche war die Außergewöhnlichste?

Eheringe mache ich immer wieder gern. Ich rede mir gerne ein, dass ich einen Teil zu besonders glücklichen Ehen beitrage, wenn sie mit meinen Ringen beschlossen werden.

Ich habe für Mirko Borsche, mit dem ich viel arbeite, mal einen Ring entworfen. Er hatte seinen Siegelring mit seinem Familienwappen verloren, wohl schon bevor wir uns kannten, denn ich habe ihn nie gesehen. Letztes Jahr bat er mich, einen neuen für ihn zu machen. Das Ergebnis glich wohl ziemlich genau seinem verlorenen Ring, selbst der Stein und wie er graviert war. Es scheint wohl etwas daran richtig gewesen zu sein.

Ich mag auch die Charlie-Edition für den Club und das Restaurant Charlie von Sandra Forster. Sie brachte von einer Reise aus Vietnam, wo sie für das Lokal recherchiert hat, eine Zeichnung von einem Tiger mit, den man auch auf der Speisekarte sehen kann. Er wurde zu einem Armband aus Silber an einem roten Seidenband.

Du hast Mirko Borsche erwähnt, der ja in Deiner Nähe in der Au arbeitet. Wie beurteilst Du die kreative Szene in München?

Mit Mirko arbeite ich schon zusammen, seitdem ich mein Label habe, er war damals noch beim SZ-Magazin. Ich dachte, wenn ich ein Label gründe, dann muss ich nach Paris. Und ich dachte, wenn ich nach Paris gehe, dann brauche ich ein Lookbook. Und wenn ich ein Lookbook brauche, dann brauche ich eben Mirko Borsche. Also habe ich ihn gebeten, mein erstes Heft zu machen, und so haben wir uns kennengelernt. Über die Jahre sind wir gute Freunde geworden und tauschen uns gerne aus. Er ist ein guter Gegenpart. Die kreative Szene in München ist überschaubar, aber sehr effektiv.

Was sind denn die größten Probleme?

München ist nicht die Stadt, die einem den Start besonders einfach macht. Man steht von Anfang an unter einem gewissen Druck, sein Leben zu finanzieren. Die Mieten sind teuer, so dass man sich nicht erst mal günstig ein paar Jahre ausprobieren kann. Und hier wird auch nicht so sehr nach dem Neuen gesucht. Ich habe die ersten Jahre fast nur ins Ausland verkauft und hatte in Deutschlang lange nur zwei Kunden: Andreas Murkudis und Schwittenberg. Das hat sich mittlerweile geändert.

Gibt es auch Pluspunkte?

Natürlich! Man kann in München sehr gut konzentriert arbeiten und es ist eine wundervolle Stadt, sehr grün, an einem Fluss, eine gute Basis. Es gibt eine gute Infrastruktur bei Handwerk, Produktion und Ausbildung. Das ist ein großer Schatz. Und man hat hier ein sehr gutes Publikum, wenn man einmal den Fuss in der Tür hat. Andererseits sehe ich auch, wie an anderen Orten, in Frankreich zum Beispiel mit dem Nachwuchs oder überhaupt eigenen Marken umgegangen wird, da gibt es viel Unterstützung, es wird als so etwas wie eine kulturelle Aufgabe gesehen. Da könnte man sich hier schon inspirieren lassen. Auch in Berlin gibt es Förderung, wenn die Labels im Ausland zeigen zum Beispiel.

Spaziergang im Glockenbachviertel

Wie kam es dazu, dass Du eine Kollektion für Filippa K entworfen hast?

Eine Designerin von Filippa K rief eines Tages an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für sie etwas zu entwerfen. Ich bin also nach Stockholm geflogen, wir aßen zusammen zu mittag in den Räumen von Filippa K. Eine umgebaute Brauerei am Fluss mitten in der Stadt. Ich mochte das Team, wir hatten einen guten Draht miteinander… sie haben mich mit ihrem Charme eingefangen. Es war sehr unkompliziert.

Hast Du anders gearbeitet, als Du die Filippa K-Kollektion entworfen hast?

Ja und nein. Man ist in einer Kooperation nicht in einem luftleeren Raum, sondern hat noch einen Gegenpart, einen Dialog, einen Partner eben. Wenn ich für mich arbeite, richte ich mich nur nach mir selber. Aber ich musste mich nicht verbiegen, ich finde, das sieht man auch.

Erzähl doch mal von der Philosophie hinter der Kollektion.

Es ging uns nicht darum, etwas völlig Neues für Filippa K zu machen, sondern ein, zwei Charakteristika aus meiner Arbeit zu nehmen, die gut zu ihrer Marke passten und mit denen zu arbeiten. Die Stücke spielen mit den Gegensätzen fest und flexibel, glatt und strukturiert, die in meiner Arbeit an vielen Stellen vorkommen. Das passte sehr gut zu dem, was Filippa K ausmacht. Schlichte, manchmal fast strenge Schnitte, vieles davon in fliessenden Stoffen umgesetzt. Reduziertheit im Sinne von Zurückgenommenheit, Purheit, Konzentration, gepaart mit einer Zartheit und Sinnlichkeit. Es war auch sehr wichtig, dass die Stücke “echt” sind, also aus Sterling Silber und 18-karätigem-Gold.

Saskias Atelier

Dein Mann Stefan Diez hat ja im Rückgebäude Deines Showrooms und Ateliers sein Büro und seine Werkstatt. Was mögt Ihr an Eurem Standort?

Hier hinten ist es wie ein kleiner blinder Fleck auf dem Stadtplan. Ein Ort, wie man ihn hier nicht erwartet. Es ist wie eine alte Hofsituation, in der sich verschiedene Werkstätten um einen Hof gruppieren. Wir wohnen oben im Haus, es gibt den Showroom und meinen Laden zur Strasse, hinten das Atelier und andere Räume, in denen Leute arbeiten, mit denen wir befreundet sind und mit denen wir auch zusammen arbeiten. Julian Baumann, mit dem ich schon oft fotografiert habe, der Künstler Benjamin Röder, der hier ein Atelier hat, Jens Buss und Johannes von Gross, die gerade an meiner Website sitzen. Ich finde es großartig, dass ich in fünf Minuten an die Isar laufen kann. Für meine Kollektion aus Isarkieseln sammle ich dort die Steine.

Wie kann ich mir den kreativen Austausch von Dir und Deinem Mann vorstellen?

Es ist ein Geschenk, dass wir in ähnlichen, aber trotzdem unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Wir haben keinen Job, der uns abends loslässt, sondern einen, der ein wichtiger Teil unseres Lebens ist. Und da ist es gut, wenn man sich auch darüber austauschen kann. Und es gab auch ganz konkrete gemeinsame Projekte: Wir haben die Einrichtung für meinen Laden zusammen gemacht, die Papiertaschen sind eine Kooperation, und Stefan zieht mich gern als Gegenpart bei seinen Projekten hinzu.

Ihr habt ja drei Kinder. Wie schaffst Du es eigentlich, Deinen Job und Dein Familienleben zu koordinieren?

Natürlich ist es ein Spagat, und das fordert auch manchmal viel ein. Andererseits ist es natürlich in manchen Dingen auch einfacher, weil ich mein eigener Chef bin. Als ich mein Label gestartet habe, und das erste mal in Paris gezeigt habe, war das ein paar Wochen vor der Geburt meiner zweiten Tochter. Die Saison drauf hatte ich einen Säugling dabei. Man wächst in seine Rollen rein und die Kleinen wachsen auch. Jetzt sind sie schon ganz schön selbständig. Als die Kinder ganz klein waren, war es egal, ob ich nachts arbeite und mein Kind daneben schläft oder ich es irgendwohin mitnehme. Es war mir sehr wichtig, etwas eigenes aufzubauen, daraus schöpft man ja auch Kraft.

Gibt es eigentlich noch dieses Klischee, dass Männer Frauen Schmuck schenken?

Klar habe ich viele männliche Kunden, die ihrer Frau oder Freundin meinen Schmuck schenken. Und auch viele, die für sich selbst etwas kaufen. Doch die meisten, die zu mir kommen, sind Frauen, die sich meinen Schmuck selbst aussuchen. Das gefällt mir.

Dein Label achtet stark auf Nachhaltigkeit. Warum ist das so wichtig für Dich?

Ich finde es gut, wenn dort, wo die Wertschöpfung stattfindet, auch produziert wird. Dass ich einen Beitrag leisten kann, das Handwerk hier zu beschäftigen. Ich produziere in Deutschland, in München und Umgebung, in Pforzheim. Gold und Silber werden zum Großteil im Recyclingprozess gewonnen. Für zwei Kollektionen habe ich das Material in Indien herstellen lassen, aber ich war immer wieder selbst dort, ich hab die Mädchen angelernt, es waren Freunde einer Familie, die ich kenne, die selbst an einer eigenen Kollektion arbeiten.

Wie schaffst Du es dennoch, wirtschaftlich zu arbeiten?

Mein Label ist sehr schlank aufgestellt. Ich habe ein kleines Team und wir arbeiten viel an der Optimierung von Abläufen.

An der Isar

Was magst Du am Flair Deines Viertels?

Die Nähe zum Fluss. Ich habe gern ein Gewässer in der Nähe. Und meine Straße. In die verirrt sich kein Mensch zufällig. Das ist für mich ein luxuriöser Standpunkt, alle, die herkommen, wollen auch hierher.

Hast Du Lieblingsstädte?

Schwer zu sagen, es gibt viele tolle Orte auf der Welt und so viel hängt davon ab, unter welchen Umständen man dort hinkommt. Aber ich mag Südfrankreich und das Licht dort. Ich mag Marseille. Ich finde Japan sehr spannend, dort reise ich im November hin, in den Süden, wo ich noch nie war und freue mich schon. Indien ist großartig und beeindruckend, ich fahre gerne hin und habe dann jedes mal immer irgendwann genug davon.

Wie definierst du “Heimat” für Dich?

So ein richtiges Heimatgefühl habe ich nicht. Ich fühle mich schnell wohl an einem Ort und bin nicht so wahnsinnig verwurzelt.

Im Zuge der Produktkollaboration zwischen Filippa K and Saskia Diez verbrachten wir einen eindruckvollen Tag mit Saskia. Wir haben mehr über ihr kreatives Schaffen sowie ihre Kollektion für die schwedische Marke erfahren, die ab 23. Oktober erhältlich ist. 

Thanks!

Danke Saskia für die Einblicke. Mehr Informationen zu Saskia Diez und ihren Kollektionen gibt es hier.

(EN) Photography: Conny Mirbach
Interview & Text: Annette Walter