Scumeck Sabottka
Concert Promoter & Artist Agent, Apartment & Workplace, Charlottenburg-Willmersdorf, Berlin
FvF × SPIEGEL Online
Workplaces > Scumeck Sabottka

Seit drei Jahrzehnten dreht sich die Arbeit von Scumeck Sabottka um das „Konzerterlebnis“, wie er sagt, um den „perfekten Abend“.

Nach ein paar wilden Jahren in der Punkszene von Westberlin gründete er in den Achtzigern die Konzertveranstaltungsfirma MCT – „Music Consulting Team“, die in den Anfangsjahren Tourneen von Punkbands wie den Ramones oder King Kurt, aber auch von Avantgardemusikern wie John Cale organisierte, später von weiteren internationalen Alternative Rock-Größen wie R.E.M., Red Hot Chili Peppers und Nick Cave, aber auch Popsängern wie Lenny Kravitz und Robbie Williams.

Das Büro von MCT liegt im alten Berliner Westen in einer ehemaligen Fabrik, den DinosAutomobilwerken, die hier einst ihre Fahrzeuge herstellten – eine mehr als passende Location für einen Autofan wie Scumeck. Wir treffen den 53-Jährigen in seiner geräumigen Altbauwohnung in der Meinekestraße auf ein paar Frühstückcroissants mit Marmelade. Er begrüßt uns mit festem Händedruck und führt uns durch die Zimmer. Trotz seines entschiedenen Auftretens, hat der erfolgreiche Konzertveranstalter und Künstleragent einen eigentümlichen, fast schlurfenden Gang – was unsere Sympathie für ihn nur noch steigert.

Er möge kein Tageslicht, erzählt uns Scumeck. Lieber schalte er stattdessen die gedimmten Lampen in seiner Wohnung an. Und von denen gibt es Dutzende. „Die beste Beleuchtung ist es, wenn sie wie kleine, verstreute Oasen funktionieren.“ Jedes Mal, wenn wir einen neuen Raum betreten, macht er deshalb zunächst zwei oder drei Lampen an: Es ist wie eine kleine Erleuchtungszeremonie, als müsse erst Licht werden, um hier zu wohnen und zu denken.

Deine Wohnung liegt mitten im Berliner Westen, direkt am Kurfürstendamm. Was hat dich hierher gezogen?

Ich wollte irgendwann eine eigene Wohnung, nachdem ich jahrelang zur Miete gewohnt hatte. Diese hier hat mir sofort gefallen. Der Architekt, der sie für mich ausgebaut hat, Thomas Kröger, hat sie für mich gefunden. Ich mag es hier im alten Westen. Als ich 1980 dem Wehrdienst entflohen bin und nach Westberlin kam, wohnte ich zunächst in Kreuzberg in der Wrangelstraße. Damals hat mich der Ku’damm nicht interessiert. Erst in den Neunzigern wurde er für mich interessant, als es hier ein bisschen abgerockter und wieder billiger wurde, weil sich die ganze Aufmerksamkeit auf Mitte konzentrierte.

Wie wichtig sind dir Möbel?

Mittlerweile macht mir das sehr viel Spaß, mich mit den Einzelheiten, den Formen und Winkeln der Stücke auseinanderzusetzen. Ich bin kein Fachmann für Designmöbel, aber ich begeistere mich für Menschen, ihre Ideen, ihre Vorstellung von Ästhetik. Früher war das anders. Ich weiß noch, wie ich mich über den Preis aufgeregt habe, als ich vor 20 Jahren das erste Mal ein teureres Designerstück kaufen wollte – einen gebrauchten Sessel. Erst Hans-Peter Jochum, der seine Galerie für Möbel hier um die Ecke in der Mommsenstraße hat, hat mir beigebracht, dass ein Tisch eben nicht nur ein Tisch ist. Dass diese Stücke einen Wert haben, den man nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennt. Wenn Menschen für eine Sache brennen, so wie Peter für seine Möbel, dann steckt mich diese Leidenschaft an.

Was sind deine liebsten Stücke in der Wohnung?

Die Lampen. Ich habe sehr viele, fast alle von italienischen Designern. Ich glaube, Italiener kennen sich am besten mit Licht aus. Ich habe viele von Gino Sarfatti, eigentlich ein Ingenieur, der später zu einem der wichtigsten Lampendesigner des 20. Jahrhunderts wurde. Ich kaufe mit großer Begeisterung Licht. Das erste, was ich mache, wenn ich nach Hause komme, ist, erst mal alle Lampen anzuschalten. Wir wollten eigentlich die Schaltkreise zusammenlegen, damit das mit einem Schalter geht. Ging leider nicht. Nun habe ich eine App mit Geofencing, die die Lampen schon einschaltet, wenn ich mich der Wohnung nähere.

Du arbeitest seit mehr als 30 Jahren als Konzertveranstalter. Was hat dich dazu bewegt, Tourneeveranstalter zu werden und wie hat das in den Achtzigern mit MCT angefangen?

Als ich 1980 nach Westberlin kam, hatte ich erst mal überhaupt kein Geld. Ich kam wegen der Leute und der Punkszene. Kreuzberg war damals eine ganz eigene Welt, eine Insel. Ich habe in einem Indie-Plattenladen gejobbt: bei Vinyl Boogie in Schöneberg. Und in einem Blumengroßmarkt.

So richtig gereicht hat es finanziell nie, auch weil ich damals nicht zu wenig gefeiert und getrunken habe. Geändert hat sich alles, als ich nach einem Unfall ins Krankenhaus kam und bei mir Hepatitis B diagnostiziert wurde. Der Arzt sagte zu mir: „Jeder Tropfen Alkohol, den sie ab jetzt trinken, wird ihr Leben verkürzen.“

Und weil ich nicht mehr trinken konnte (und auch nicht mehr wollte), aber einen Führerschein hatte, wurde ich ständig gebeten Auto zu fahren. Ich war plötzlich so etwas wie der Sehende unter den Blinden. FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten, ein alter Freund, fragte mich dann, ob ich nicht die Band auf Tour begleiten wolle. Ich habe dann sogar die erste Maxi-Single der Neubauten finanziert: Durstiges Tier. Dafür mussten mir meine Eltern noch das Geld leihen.

Jedenfalls habe ich erst als Fahrer und danach immer öfter als Tourneemanager für die deutschen Termine gearbeitet, damals noch für die Agentur des Londoner Indie-Labels Rough Trade: vor allem Post-Punk wie The Smiths oder Cabaret Voltaire. Bis ich zusammen mit Dietrich Eggert und Jochen Hülder zu dem Schluss kam: ‘Scheiß auf die Labels, wir können das viel besser!’, und wir haben MCT gegründet.

Das war 1984. Dietrich Eggert war damals Chef der Firma Rough Trade Booking und Jochen Hülder Manager der Toten Hosen. Und eine eurer ersten großen Tourneen waren die Punk-Pioniere Ramones. War das mehr Job oder Wahrwerden eines Traums?

Wir wollten beides: Gute Arbeit machen, tolle Konzerte organisieren und gleichzeitig die Bands zu uns holen, die wir liebten. Bis das mit den Ramones geklappt hat, habe ich ihrem Agenten in London ein volles Jahr lang jeden Tag ein Telex geschickt, eine Vorform des Faxes. Jeden Tag dieselbe Nachricht, bis er endlich antwortete und die Ramones für drei Shows nach Deutschland kamen. Eine ziemlich erfolgreiche Tournee.

Jeder Musikfan hat eine Handvoll Bands, auf denen die persönliche musikalische Sozialisation fußt wie auf Säulen und die einen besonders inspirieren – welche fünf sind das bei dir?

Da muss ich nicht lange überlegen: Sex Pistols, The Clash, Throbbing Gristle, SPK und Kraftwerk. Auch in genau der Reihenfolge. Punkmusik war für mich sehr prägend, obwohl ich sie eigentlich nur solange mochte, bis sie ihren Höhepunkt überschritten hatte – und das ging ja sehr schnell, das waren höchstens vier oder fünf Jahre Ende der Siebziger. 1978 habe ich Stiff Little Fingers in der Hamburger Markthalle gesehen und UK Subs – das waren eigentlich schon die Ausläufer der großen Welle. Ich weiß auch noch, dass ich mich so geärgert habe, weil ich für die Clash-Tour keine Karten bekommen habe.

Mit SPK habe ich dann später in Berlin im Kreuzberger SO36 mein erstes eigenes Konzert veranstaltet: SPK mit der Tödlichen Doris und Alexander von Borsig. Und wegen Kraftwerk habe ich sogar einmal von meinem Vater einen Anschiss bekommen, weil ich mit 12 Jahren in Köln bei der Schlager Rallye vom WDR angerufen habe, um bei der Hitparade für Autobahn zu stimmen. Aus unserem Heimatort Waltrop war das ein teures Ferngespräch.

Was ist dir bei deiner Arbeit besonders wichtig?

Die Antwort auf diese Frage liegt irgendwo zwischen Geld und Gefühl: Die Zahlen auf dem Papier sind eine Sache. Klar, das spielt eine Rolle. Aber ich glaube, dass sich ein Agent immer für den Veranstalter entscheidet, bei dem er das bessere Gefühl hat – bei dem er spürt, dass es seiner Band mehr bringt, weil sich wirklich bis ins kleinste Detail gekümmert wird. Und genau das will ich mit MCT machen: Nicht so viel wie möglich, sondern so vollumfänglich wie möglich, wie man in der Juristerei gern sagt.

Ich will mich um jeden Aspekt kümmern und mich gerade in der Vorbereitung viel mit den Musikern auseinandersetzen. Nicht immer nach Schema A zu fahren, sondern die Perspektive für das Ganze zu behalten. Du musst ja oft schon ein Jahr im Voraus antizipieren, wie die Tour laufen könnte.

Stichwort Kraftwerk: Seit 1991 bist du verantwortlich für die Koordination ihrer Live-Auftritte. In den letzten Jahren wird im Zusammenhang mit der Band viel über die Musealisierung  von Popmusik diskutiert, weil sich ihre Konzerte, wie zuletzt in der Berliner Neuen Nationalgalerie, an der Grenze zur Kunstperformance bewegen.

Genau das ist daran das Aufwendige: Der Raum, die Musik, die Grafiken – das soll alles wie aus einem Guss sein. Umso schwieriger ist es, das Ganze so leicht erscheinen zu lassen. Der Sound in einem Ausstellungsraum wie in der Neuen Nationalgalerie ist eine Katastrophe. Was wir dort an Material hineintragen mussten, bis dieses Konzert allein von der Akustik überhaupt möglich war, wie Ralf Hütter von Kraftwerk sich das vorstellt. Umso schöner, dass es funktioniert hat. Auf der Liste mit Wunschorten, die ich von Ralf habe, stand Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie nämlich ganz oben.

Trotz des riesigen Aufwands machen mir diese Konzerte am meisten Spaß. In vielen Museen, im MoMa oder der Tate Gallery in London, habe ich mit Leuten zu tun gehabt, die eine völlig falsche Vorstellung von so einer Show hatten: Die denken, da kommen diese vier Typen in ihren Anzügen, rollen ein bisschen Technik herein und los.

Der schiere Aufwand, den die Museumsmacher von ihren Ausstellungen her auch kennen, überrascht sie immer vollkommen: weil wir das alles für einen Abend machen und am nächsten Tag wieder abhauen. Toll ist es, wenn diese Menschen dann offen sind und versuchen, mit dir zusammen das Bestmögliche auf die Beine zu stellen. Das ist so etwas wie die Königsklasse der Konzertveranstalter.

Hat sich dein beruflicher Anspruch in den letzten 30 Jahren verändert?

Ich glaube, es ging eigentlich schon immer um dasselbe, aber ich habe das früher vielleicht einfach nicht so wahrgenommen. Stattdessen war ich ständig damit beschäftigt, dass die Firma läuft. Wir hatten ja auch schwere Zeiten: Ich war zwischendurch fast pleite, musste mir neue Geschäftspartner suchen.

Jetzt, da die Firma läuft, bekommt man ein besseres Bewusstsein für bestimme Sachen: Zum Beispiel, wie wichtig ein gutes Team ist und wie viel Zeit es kostest, sich um ein gutes Team zu kümmern. Früher waren wir drei, vier Leute in einem kleinen Raum, jetzt sind wir zu zwölft. Da muss man viel zuhören: Wo sind die Wünsche, wo sind die Nöte? Schlechte Zeiten verbinden ja oft viel mehr als die guten, das habe ich über die Jahre gelernt.

Weil sich in Zeiten von MP3s und Streaming-Diensten weniger Tonträger verkaufen, steckt die Musikindustrie seit einiger Zeit in einer tiefen Krise. Macht es sich bei MCT bemerkbar, das Konzerteinnahmen für die Plattenlabels immer wichtiger werden?

Ja, sehr. Der Druck ist enorm gestiegen. Wir spüren das jeden Tag. Die Tickets werden immer teurer, weil die Platteneinnahmen immer geringer ausfallen. Um das mit einem Beispiel zu veranschaulichen: Bei Massive Attack sind wir bei den letzten drei Touren von 24 auf 28, schließlich auf 32 Euro pro Ticket hoch gegangen. Bei der nächsten brauchen wir wohl gar nicht weniger als 42 Euro pro Eintrittskarte kalkulieren.

Die Erwartungen an uns sind heute ganz anders: Da wir für einen so wichtigen Teil des Geschäfts verantwortlich sind, laden die Labels und Agenten ihre Begehrlichkeiten auf unserem Rücken ab – gerade jene finanzieller Art. Früher war es angenehmer. Oder sagen wir: Früher war es einfach anders. Das Musikgeschäft ist immer schon mehr Prozess als festgegossenes System.

Sprechen wir über deine Oldtimer: Woher kommt deine Leidenschaft für alte Autos?

Ein bisschen habe ich das, glaube ich, von meinem Vater. Der ist immer schicke Autos gefahren: Dienstwagen von Audi. Mein erstes Auto war dann ein Opel Kadett, den ich mit 18 für 500 D-Mark gekauft habe. Später hatte ich auch mal einen Opel Commodore Coupé mit einem Zollkennzeichen, den ich nur ein knappes halbes Jahr fahren durfte.

Ich fand schicke Autos schon damals in den Achtzigern toll, habe aber nie Geld dafür gehabt. Erst mit 30 habe ich mir mein erstes Motorrad gekauft und dann irgendwann einen Ford F100 Pickup. Erst seit acht, neun Jahren bin ich ein bisschen tiefer eingestiegen. Aber ich sammle Autos nicht als Wertanlage, sondern weil ich Spaß am Fahren habe. Autos muss man benutzen.

Legst du auch gerne selbst Hand an?

Nein, ich bin kein Schrauber. Ich will vor allem eines: einsteigen und fahren. Ich weiß schon, wie ein Motor funktioniert, aber ich habe nicht die Zeit und das Fachwissen für mehr. Ich finde es viel toller, neben Typen, die sich auskennen, zu stehen und zuzuhören, wie sie fachsimpeln – wie bei Classic Wheels Berlin in Zehlendorf.

Hat diese Lust am Fahren viel mit dem Mythos Auto – diesem Traum vom Unterwegssein und der dazugehörige Freiheitsdrang – zu tun?

Eine gute Frage. Ich glaube, es geht um die Bewegung, ja. Aber vor allem auch um die Form der Bewegung – eine Form, die sich andere für uns ausgedacht haben. Ich finde es faszinierend, wie viele Gedanken dem voraus gehen, dass wir hinterm Steuer sitzen können. Genau wie bei meinem Pontiac, bei dem sich die Autobauer von indigenen Völkern inspirieren ließen. Ich liebe es, wie sich das in der Form des Wagens und seiner Geräumigkeit bemerkbar macht.

Nebenbei machst du gerade auch einen Pilotenschein?

Ja, mittlerweile habe ich schon fast 200 Flugstunden hinter mir. Und in gewisser Weise gibt es dabei einige Parallelen zu meiner Arbeit. Wenn im Flugzeug etwas schief läuft, kann man auch ganz schön unter Druck geraten. Und entweder ist man jung und getrieben von unendlicher Leidenschaft dafür oder man profitiert, wenn man älter wird, von seiner eigenen Lebenserfahrung. Da oben in der Luft darf einen nichts aus der Ruhe bringen, auch wenn der Motor ausfällt. Genau das mache ich mit MCT auch – ruhig bleiben, nachdenken und durchziehen bis zum Ende. Ich liebe diesen Nervenkitzel.

 

Danke, Scumeck, für das spannende Gespräch und die Zeit, die du dir für uns genommen hast.

Dieses Portait ist außerdem Teil von “Friends Of Cars”, unserer gemeinsamen Serie mit Spiegel Online. Mehr über Scumeck und eine Tour mit seinem Auto gibt es auf deren Seite.

Zu weiteren Interviews mit Berliner Kreativen geht es hier.

Fotos: Dan Zoubek
Interview: Annett Scheffel